Im postfaktischen Meinungseintopf

Wenn Gefühle mehr zählen als Tatsachen

Ein unangenehmer Begriff macht Karriere: „Postfaktisch“ wurde von den Oxford Dictionaries zum internationalen Wort des Jahres gewählt. Anzeichen dafür, dass die Wahrheit und Fakten in der öffentlichen Diskussion im neuen Jahrtausend unter die Räder kommen könnten, gab es schon vor über zehn Jahren, als die „post-truth era“ ausgerufen wurde. Seitdem scheint allerdings die Bereitschaft vieler Menschen weiter zugenommen zu haben, sich in ihren Entscheidungen weniger von Fakten als vom Bauchgefühl und vagen Emotionen leiten zu lassen – auch wenn noch so viele berechtigte Zweifel am Gefühl in der Magengrube nagen mögen.

Postfaktisch zum Abstimmungserfolg

Mit der Volksabstimmung zum Brexit und der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA scheinen wir nun wirklich mit Vollgas im postfaktischen Zeitalter angekommen zu sein. Bei beiden Entscheidungen ließ sich deutlich beobachten, dass kübelweise Lügen und leicht zu durchschauender Schwachsinn verbreitet wurden – viele Versprechen und Behauptungen hielten schon einer rudimentären Überprüfung nicht stand, wie der Lateshow-Host John Oliver sehr eindrucksvoll am Beispiel der von Trump in Aussicht gestellten Mauer zwischen den USA und Mexiko zeigte.

Jeder hätte es also wissen können, und viele haben es vermutlich auch gewusst, ihre Entscheidung aber lieber von der gefühlten Wahrheit leiten lassen. Insofern muss auch niemand, der über mehr als zwei Gehirnzellen verfügt, enttäuscht sein, dass die falschen Versprechen rund um Brexit und USA-Wahl im Nachhinein schon reihenweise wieder einkassiert wurden – plötzlich darf die Mauer also streckenweise auch ein Zaun sein, so Trump.

Das gesellschaftliche Zusammenleben könnte im postfaktischen Zeitalter anstrengend werden. Wenn Tatsachen für wichtige Entscheidungen keine Rolle mehr spielen und für viele Menschen die Timeline bei Facebook die wichtigste Nachrichtenquelle darstellt, wird man wohl noch kahle Stellen bekommen, so oft wie man sich an den Kopf fassen möchte. Ach so, den bescheuerten Begriff „Lügenpresse“ kann ich in diesem Zusammenhang übrigens auch nicht mehr hören – wer kann, sollte am besten schnell ein Abo bei einer guten Tages- oder Wochenzeitung abschließen, wär doch auch eine gute Idee für Weihnachten!

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